Buchstaben im KinderWald

An immer mehr Vormittagen im Kinderwald wurde für uns Betreuerinnen immer spürbarer, dass sich die meisten unserer Waldkinder in der sensiblen Phase für Buchstaben befinden.         Gustavo (5 Jahre) sah in allem was die Natur uns gibt ein „A“ ein „O“. Manchmal bemerkte er an einem Ast ein „V“, doch nur ganz selten zeigte sich ein Regenwurm der grad zufällig seinen Körper wie ein „S“ schlängelte… Anfangs malten die Kinder mit Stöckchen ihre Buchstaben in die Luft, in die Erde und mit in Wasser oder Schlamm getränkte Pinseln  wurde schließlich die schwarze Tafel als Schreibtafel benutzt. Aufgrund dieser sichtbaren Zeichen der Kinder drängte sich in uns der  „Montessori-Gedanke“ immer stärker in den Vordergrund.  Es war klar: Buchstaben zum Be-greifen sollten bald unserem Material im Bauwagen angehören, welches den Kindern beim Bedürfnis danach zur Verfügung stünde.

Herbert Opa und ich verbrachten einen sonnigen Sonntag in seiner Werkstatt mit Zuschneiden, Abschleifen und Ausfräsen. Aus den Rohhölzern entstanden an sich schon wunderschöne und angenehm in der Hand liegende „Bausteine“ die zum Bauen und Konstruieren aufforderten. So wertvoll und natürlich kann nur unbehandeltes Holz sein.  Einmal mussten die insgesamt 73 Holzblöcke noch durch unsere Hände wandern. Vater fräste mit geübter Hand einen Buchstaben nach dem anderen aus, reichte ihn mir um die noch vereinzelt sperrigen Holzspänen händisch mit Schleifpapier zu entfernen. Unter die Haut gehende Sinneserfahrung ist unser Ziel, aber nicht, dass die Kinder sich Splitter einziehen. 😉

 Es war ein Abenteuer und ein Eintauchen in die eigene Kinderzeit als ich mit meinem Vater in der Werkstatt arbeitete. Diesmal durfte auch ich schon mit den elektrischen Geräten werkeln 😉

 An dieser Stelle möchte ich mich herzlich im Namen vom gesamten KinderWald Team und dem Verein Elementa für die große Hilfe bei „Herbert Opa“ bedanken. Und auch bei den anderen Menschen die unser Projekt mit großem Engagement begleiten und  unterstützen.

Ich war an dem Tag, als ich das Material in den Wald mitnahm, schon sehr neugierig auf die Reaktionen der Kinder.  Als ich in einem ruhigen Moment begann, die Buchstaben auf einem großen, schwarzen Brett von meiner Transportkartonage in eine Holzkiste umzusortieren, waren binnen weniger Minuten vier Kinder in meinem Aktionsradius. Ein Mädchen (4 Jahre) ging vorbei, verweilte kurz im Moment des Buchstaben-pot pourris, um nach einem smarten: „Ah, das dort ist ein „M“ – Mit diesem Buchstaben beginnt der Name meiner Mama…“ wieder weiter ihre Wege zu gehen. Ich hörte, staunte wie sehr Kinder etwas wahrnehmen und es für „wahr – nehmen“ und lächelte zufrieden.

...beim Einräumen die Dritte Dimension erspüren, schön... :Ein weiteres vier jähriges Mädchen erkannte ihr „J“ und ihr „O“ „…. dann brauch ich noch zweimal das „N“…, und ein „A“ ist auch noch wo? … und dann noch das da, gibst du es mir bitte mal? Das mit dem Stricherl in der Mitte, genau, das „H“ brauch ich auch noch.“

Die ebenfalls vierjährige Helena Luisa, bat mich ihr alle Buchstaben ihres Namens herzulegen. „Hey, sieh mal! Mein Name ist gleich lang wie der von Flora-Marie!“ Anfangs war es meine Aufgabe die Buchstaben rauszusuchen, die für den eigenen Namen benötigt wurden. Alles andere was ich an theoretischem Wissen in meinem Kopf hatte, blieb auch dort, denn:  Flora-Marie fing ohne ein Wort zu sagen an, die ausgefrästen Linien mit ihrem Zeigefinger nachzufahren und zu befühlen, was blitzartig auch Helena Lusia ausprobieren musste.  Es entstand aus ihrem inneren Bedürfnis diese spannende Aktion auszuprobieren J Es ist so wunderschön zu beobachten wie Kinder auch voneinander lernen. „FFFF, LLLLL, OOOO, RRRR, AAAA…… ich denke das Bild ersetzt viele Worte.

Vielleicht werden mal Stöckchen verwendet, um den Buchstaben nachzuschreiben, vielleicht werden sie im Frühling mit Grashalmen ausgelegt, vielleicht im Herbst mit Blättermehl. Vielleicht sogar wird es bald größere Buchstaben geben, die dann mit Schnee, Gatsch und Erde befüllt und wieder ausgekratzt werden können … Das wäre dann ein weiteres Projekt für   „Herbert Opa“ 😉

Die Eigenschaften des Montessori Materials sollen dafür sorgen, dass sie das Interesse der Kinder auf sich ziehen und somit beim zwanglosen Lernen helfen. Zahlreiche Hirnforscher wie auch Gerald Hüther belegen wissenschaftlich die Wichtigkeit des lustvollen und zwanglosen Lernens. Die Grunderkenntnis der modernen Neurobiologie heißt: Kinder, und zwar alle Kinder, kommen mit einer unglaublichen Lust am eigenen Entdecken und Gestalten zur Welt. Nie wieder ist ein Mensch so neugierig und so entdeckerfreudig und so begeistert darauf, das Leben kennen zu lernen, wie am Anfang seines Lebens. Wir hoffen mit den Buchstaben aus Holz einen kleinen Grundstein der Begeisterung für das Erlernen der Kulturtechniken  Lesen und Schreiben gelegt zu haben.

 

 

Birgit Laister
(Mutter, Co-Betreuerin und Mitgründerin)

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