Masterarbeit: Entscheidungsräume als Entwicklungsräume

Beitrag von Petra Ackerlauer

Ich und andere reflektierte Pädagoginnen[1] gehen davon aus, dass echte Teilhabe in Alltagshandlungen, auch Partizipation genannt, eine Grundvoraussetzung für Lernen ist. Geht man einen Schritt weiter, so interessiert man sich, wie eine solche Teilhabe im Kindergarten gelingen kann. Bringen die Kinder die nötige Reife mit? Wenn Kinder mitentscheiden dürfen, ist dann noch ein geordneter Betrieb möglich? In welchen Bereichen macht es Sinn den Kindern Entscheidungen zu überlassen oder gemeinsam mit ihnen zu entscheiden?

Ich durfte im Zuge meiner Masterarbeit einige Wochen im Kinderwald mit diesen Fragestellungen im Kopf beobachten und viele Fragen stellen. Besonders sah ich mir die Bereiche Jause, kreative Tätigkeit und Aushandlungsprozesse an. Bringt die Waldumgebung Möglichkeiten mit sich, Kindern andere Entscheidungsräume zur Verfügung zu stellen als eine „herkömmliche Innenraumumgebung“?

Beobachtungen und Interviews zeigten, dass sowohl die besondere Waldumgebung, als auch die Haltung der Pädagoginnen zur Öffnung von Entscheidungsräumen – aber auch das Wissen um die Wichtigkeit ihrer Begrenzung – qualitativ hochwertige Entscheidungs- und Entwicklungsräume für Kinder schaffen. Die Waldumgebung fordert die Kinder durch die Offenheit und Unstrukturiertheit des Materials, durch das Vorhandensein unterschiedlicher Frei-„Räume“ und durch die Herausforderung und Spielaufforderung der Umgebung in den verschiedenen Jahreszeiten zu vielfältigen kreativen und kommunikativen Handlungen heraus. Die durch die Pädagoginnen gesetzten Entscheidungsräume beinhalten vor allem Entscheidungen und Verantwortung für die Dinge, die sie persönlich betreffen (Essen, Spiel, kreative Ideen). Diesbezüglich konnte ich vor allem die vorbereitete Umgebung, aber auch die gelebte soziale Praxis sowie die individuelle Begleitung als raumgebend beobachten. In der Begleitung  nehmen die Pädagoginnen solche Entscheidungen wahr, die in die Verantwortung des Erwachsenen fallen, und nehmen den Kindern solche nicht weg, die eine Lernchance darstellen, sondern „begleiten“ diese falls notwendig. Besonders bei Aushandlungsprozessen bekommen Kinder dadurch täglich die Möglichkeit selbstverantwortlich und partizipierend Lernerfahrung zu sammeln.

Die dort geschaffenen Räume werden so für Kinder als Übungsräume bereitgestellt. „Konflikte“, „Auseinandersetzungen“ und „Lösungssuche“ werden als Teil des Kindergartengeschäfts betrachtet anstatt als lästige Unterbrechung. Diese Räume stellen wertvolle Entwicklungsmöglichkeiten für Kinder dar, Möglichkeiten zur Entwicklung von Aushandlungskompetenzen, Verantwortlichkeit, Integrität und Mitgefühl sich selbst gegenüber im Falle von Ablehnung. Die Untersuchung machte deutlich: Aushandlungskompetenzen können nur durch selbst gemachte Handlungen von Kindern gelernt werden. Ich sehe es daher als problematisch, elaborierte Aushandlungs- und Konfliktkompetenzen bei Kindern bei Kindergarteneintritt vorauszusetzen und bei entsprechenden Schwierigkeiten sie als „Defizite“ zu betrachten, und freue mich, an diesem Standort eine Praxis vorgefunden zu haben, die den Kindern während ihrer Kindergartenzeit die Möglichkeit einräumt, Aushandlungserfahrungen mit Gleichaltrigen zu machen.

LINK: Poster Masterarbeit Ackerlauer


[1] vgl. Colberg-Schrader, Hedi (2000): Partizipation von Kindern – auch schon im Kindergarten?

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