Wenn Tränen fließen… von der Bedeutsamkeit des Weinens

Für viele stellt sich die Frage: Ist das Weinen meines Kindes ein „Kommunikationsmittel“, ein von der Natur clever eingerichteter „Spannungslöser“ oder gar ein Druckmittel? Oder könnte es mal das mal das sein und wie gehe ich damit um? Landläufig üblich ist es, Weinen nach Möglichkeit zu unterbinden oder so kurz wie nur möglich zu halten. Welche Chancen aber birgt es, sich näher mit der Sinnhaftigkeit des Weinens auseinanderzusetzen? Zu dieser Frage möchte ich im Folgenden die Position von Rebeca Wild beisteuern:

Hilfreiche Gedanken zum Thema „WEINEN“ von Rebeca Wild:
(1993, „Sein zum Erziehen. Mit Kindern leben lernen.“ S. 63ff., Arbor-Verlag)

„Herzhaftes Lachen und herzerweichendes Weinen sind die natürlichsten Ausscheidungsmechanismen des Menschen. Beide sind Kindern leicht zugänglich. Wenn die Tränen strömen, befreit sich der Körper von Schlacken und Giftstoffen, die sich (…) angesammelt haben. Tränen bedeuten für die emotionale Gesundheit dasselbe wie Urin für den physischen Körper. Wenn ein Mensch weinen kann und die Tränen reichlich fließen, werden Spannungen und Blockierungen gelöst, und der Organismus kann sich der Welt wieder auf gelöste Weise öffnen.

Bei uns Erwachsenen braucht es viel, bis wir das natürliche Mittel benützen. Unser Verstand lässt es für gewöhnlich zu solcher Entladung nicht (BB: mehr) kommen. Bei Kindern ist dieses Verteidigungssystem noch nicht voll ausgebildet. Sie können ohne Schwierigkeit lachen und weinen, wenn wir sie lassen.“ Eltern haben – so Rebeca Wild – manchmal „Schwierigkeiten, das Weinen des Säuglings zu schätzen. Sie sind sich unsicher, ob das Baby gerade wegen Hunger, Kälte oder Hitze, Nässe oder Bauchweh weint, ob es erschreckt oder einsam ist.“ Es steht die Frage im Raum, ob wir von Anfang an dazu tendieren, das Weinen einseitig als Kommunikationsmittel zu interpretieren, anstatt es auch bzw. vielleicht sogar vorwiegend als natürlichen „Spannungslöser“ zum Abbau innerer Spannungen und Blockaden ‚gelten zu lassen‘. Erlebt das Baby bzw. Kleinkind nur allzuoft, dass seine eigentlichen Bedürfnisse, die Auslöser für ihr Weinen sind, fehlinterpretiert werden, die Eltern aber viel daran setzen, ihm alles zu geben, damit es nur bald wieder zu Weinen aufhört, beginnen Kinder stringenterweise daraus zu lernen (wie sie es ja immer tun). Sie erkennen, dass Weinen als Mittel zum Zweck (zwar zu einem anderem als dem ihm natürlich zukommenden)  bzw. als Druckmittel auch gut einsetzbar ist. Und warum auch nicht – wenn’s funktioniert 😉

Das Kind gewöhnt sich – so Wild – zunehmend daran, „mit Weinen Dinge von uns zu erreichen, da wir nicht sensibel genug sind, seine (BB: eigentlichen) Bedürfnisse im rechten Moment zu spüren (BB: bzw. anzuerkennen und zuzulassen). Wir sind oft so konfus, dass wir nicht zwischen seinen wirklichen und Ersatzbedürfnissen unterscheiden. (…) Das Erkennen des echten Weinens und das Verständnis seiner Bedeutung gehören zur ‚Grundausbildung‘ für Eltern. Gleichzeitig gehört in unser Erziehungsprogramm, aufmerksam genug zu werden, sodass wir die authentischen Bedürfnisse des Kindes so früh wahrnehmen, dass es sich gar nict erst aufs Weinen verlegen muss. Ist das Übel schon eingerissen, kann es auch mal nötig sein, fest zu bleiben, wenn das Kind mit weinen einfach alles erreichen will. Rennt es nun mit aller Kraft gegen unsere ‚Härte‘ (Anm. BB: gemeint ist eine von uns gesetzte Grenze) an, kann es zu einer echten Entladung kommen. Zuerst ist es ein Wutgeschrei – nach und nach verwandelt es sich dann in ein ‚echtes‘ Weinen, das eine Menge neuen und alten Schmerzes hinauswäscht.

Es ist wichtig zu verstehen, dass WIRKLICHES WEINEN, das zur Reinigung alten Schmerzes dient, nur zustande kommt, wenn das Kind sich sicher und in diesem Zustand AKZEPTIERT fühlt. Unser schlimmster Fehler wäre, ein Kind, das sich durch Weinen entlädt, alleine zu lassen oder es gar fortzuschicken. Wann immer das Kind es zulässt, sollten wir es beim Weinen auf dem Schoß und in den Armen halten. Manche Kinder sind noch so voller Abwehr, dass sie auch die Mutter fortstoßen, wenn sie weinen. Es hat keinen Sinn, darüber böse zu werden und verletzt das Feld zu räumen, denn der Schmerz stammt eben aus früheren Situationen, in denen die Mutter das Rechte nicht traf. Will die Mutter jetzt eine bessere Beziehung ermöglichen, sollte sie so nah beim Kind bleiben, wie dieses es erlaubt und aus respektvollem Abstand ihr Verständnis kundtun. Wenn der Konflikt (Anm. BB. bzw. die Entladung) vorüber ist, sollte sie liebevollen Körperkontakt ermöglichen, bis das Kind sich mit ihr sicherer fühlt und auch wieder bei ihr weint.“


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.